25.09.2003 bis 05.10.2003
Rudern in Genf / Tour de Lac Leman
"Selten kann man so gut schlafen, wie nach einer Umrundung des Genfer Sees..."
Fünf WSV-Marathonruderer in Genf mit bemerkenswerten Leistungen
(von Fabian Viehrig)
2003 war die erste Teilnahme einer WSV - Mannschaft an der "Tour du Lac Leman". Diese Regatta ist laut Guinness Buch der Rekorde, einer der längsten Ruderregatten der Welt.
Innerhalb von 16h muss der Genfer See umrudert werden. Das sind 160 km ununterbrochen auf dem Wasser. Dabei darf weder die Mannschaft getauscht, noch zwischendurch am Ufer angelegt werden. Für den WSV starteten Manuela Wendisch, Jens Fröhlich, Marcus Schädig, Matthias Stein und Fabian Viehrig in der Kategorie Männermannschaften.
Für diese Regatta bedarf es nicht nur einer entsprechenden körperlichen Vorbereitung, auch das Boot muss gut präpariert sein. Die Wellen können auf dem See gefährlich hoch werden und ins Boot schlagen, so dass man unbedingt eine Lenzpumpe und Abdeckungen für den Bug und das Heck des Bootes benötigt.
Die Organisatoren prüfen vorm dem Start, ob das Boot seetauglich ist und für die Besatzung genügend Schwimmwesten vorhanden sind. Ebenfalls mitzuführen ist eine Signalrakete für den Notfall. Außerdem wird jedes Team von einem Boot des Veranstalters begleitet. Hier hat die örtliche Wasserschutzpolizei strenge Auflagen erteilt, nachdem vor einigen Jahren sehr viele Boote abgesoffen sind. (Es ist aber niemand zu Schaden gekommen)
Körperlich vorbereitet war das WSV Team nicht optimal, obwohl wir in etwa wussten, auf was wir uns einlassen. Zur Vorbereitung nahmen wir unter anderem am "Echten 24 Stunden Rennen" in Berlin teil und belegten immerhin den 9. Platz mit 164 erruderten Kilometern. Die Gewinnermannschaft aus Bonn stellte bei diesem Rennen einen neuen Guinness Buch Rekord im Dauerrudern auf. Sie schafften sagenhafte 263km in 23,5 Stunden. Weiterhin nahmen wir am Frankfurter Rudermarathon teil. Diesen mussten wir leider aufgrund eines Bootsschadens nach der Hälfte der Strecke abbrechen.
Die Bonner und 14 anderen Teams aus der Schweiz, Frankreich und Deutschland sollten wir dann in Genf wieder treffen. Im Gegensatz zu den Bonnern, die auch hier einen neuen Rekord aufstellen wollten, stand für uns nur der Olympische Gedanke im Vordergrund.
Wie die meisten Mannschaften reisten wir am Freitag an. Für die Übernachtungen wurden Betten im örtlichen Luftschutzbunker bereitgestellt. Obwohl die Belegung im Vergleich zur Maximalkapazität bei einem Ernstfall doch recht gering ist, kommt schon ein gewisses Bunker-Feeling auf: Es mangelt an Sitzplätzen, die Toiletten oder die Duschen sind oft besetzt, man weis nicht ob es draußen hell ist, und wenn nur einer der 20 Ruderer im gleichen Schlafsaal schnarcht, haben alle was davon. Auch die Lüftungsanlage funktionierte nicht richtig. Das Bunker-Feeling gehört natürlich zu Genf wie das lustige Treiben am Freitag am Sattelplatz. Hier ist die Langstrecken-Community in ihrem Element: die Boote werden abgeladen, Abdeckungen für Heck und Bug gebaut und verklebt, Ausleger abgeklebt, um das Spritzwasser zu verringern, Lampen für die Nachfahrt montiert, Dollen und Rollsitze mit Hightech-Sprays ihrer Reibung beraubt, Lenzpumpen installiert, Innenhebel und Dollenhöhen vermessen, Sitzkissen aus Isomatten geschnitten, mineralhaltige Getränke gemixt, über vergangenen Regatten berichtet und hoch bzw. tief gestapelt.
Zum Glück konnten wir uns ein Boot vom Genfer Ruderverein borgen, da es mit unserem eigenen Bootsmaterial nicht zum Besten steht. Die Vorbereitungen mussten wir natürlich selber tätigen.
Freitag Abends gibt es dann einen Empfang bei der Société Nautique de Genève, dem ausrichtenden Verein. Was wir erst vor Ort feststellten: SNG ist der Heimatklub des Alinghi Besitzers. Somit konnten wir den Original Amerikas Cup besichtigen. Am Freitag Abend kehrte im Bunker schnell Ruhe ein, denn der nächste Tag wirft seine Schatten voraus.
Start war am Samstag den 27. September um 9:00h, 16 Vierer steuern auf Genf zu. Nach einer scharfen Rechtskurve geht es in Richtung Norden auf den nächsten Kontrollpunkt Versoix zu. Hier kristallisierte sich schon eine Spitzengruppe geführt von der Renngemeinschaft Karlsruhe/Bonn/Breisbach/Leverkusen heraus. Hinter dem nächsten Kontrollpunkt Nyon verlassen die Boote den 4km breiten Schlauch an der Genfer Seite des Sees, der Lac Leman wird über 10km breit.
Ab hier gibt es kein nahes Ufer mehr, das die von Osten her auflaufenden Wellen abhalten könnte und es wurde auch tatsächlich etwas unruhig auf dem Wasser.
Wir kamen aber mit den Wellen gut zurecht und mussten noch nicht das Boot ausschöpfen. Hier erfolgte auch unser erster Steuermanns-Wechsel. Das heißt, der Steuermann klettert im Boot hinter den Ruderer der nun steuern soll. Der Ruderer klettert zum Steuerplatz und setzt sich. Nun kann auch der alte Steuermann platz nehmen. Dieses Manöver erfordert viel Konzentration, Geschicklichkeit und Gleichgewicht, sodass der Vierer nicht zum Kentern gebracht wird. Um die Belastung für alle gleich zu halten wird der Steuermann alle Stunde gewechselt.
Bei Rolle nach 33 km ist eine sehr schön gelegene Insel zu umrunden. Hier hatten wir schon vier Boote weit hinter uns gelassen. Die Führenden waren aber ebenfalls schon uneinholbar entfernt. Dann geht es über Morges nach Lausanne (54 km) und in der Zwischenzeit ist der See auch wieder ruhiger gewoden. Es herrschten damit optimale Ruderbedingungen: ruhiges Wasser, kein Regen und nicht zu warm und nicht zu kalt.
Über Rivaz und Montreux geht es nach Villeneuve in die hinterste Ecke des Sees. Hier ist nach 84 km eine romantische kleine Insel zu umrunden Die Wellen wurden wieder höher und so manche landete bei uns im Boot. Und bevor es vorbei an der Rhone-Mündung und einem weiteren Kontrollpunkt auf die Heimreise geht mussten wir schöpfen, damit das Boot nicht absäuft. Das Feld hatte sich bis dahin bereits auf drei Stunden gezogen.
Vorbei an Evian geht es zur "Schweinebucht". So heißt die große Bucht vor Thonon unter den Langstreckenruderern. Bis 1989 durfte sie von den Ruderbooten noch gekreuzt werden ein anspruchsvolles nautisches Manöver, bei dem einige auf Abwege geraten sind und auch schon manches Ruderboot vollgeschlagen ist. Das brachte der Bucht ihren Namen ein.
Heute gibt es einen Kontrollpunkt im tiefsten Winkel, was nach 127 KM, wenn alle endlich zurück wollen, nicht weniger schweinisch ist. Diese Erfahrung mussten wir, wenn auch schuldlos, ebenfalls machen. Aufgrund der schon hereingebrochenen Dunkelheit wussten weder wir noch unser Begleitboot, welches von SNG für jedes Ruderboot aus Sicherheitsgründen zur Verfügung gestellt wurde, wo sich der letzte Kontrollpunkt befindet. Somit mussten wir auf Anweisung unseres Begleiters seit Evian jede kleine Ausbuchtung des Sees ausfahren. Uns entstand dadurch ein Umweg von fast 10 km und ein Zeitverlust von einer Stunde. Dies nagte erheblich an unseren Kräften und der Psyche.
Die Boote sind mit Blinklichtern ausgestattet und damit erscheinen Gegnerische Mannschaften häufig näher als bei Tageslicht. Und oft gelingt es in dieser Bucht noch einen Platz gut zu machen. Wir wurden hier von den Ruderfreunden aus Köln/Wiesbaden eingeholt. Die Bucht machte ihrem Namen alle Ehre.
Vorbei an Yvoire ging es zurück in den Genfer Schlauch. 23 km noch, das sollte eigentlich kein Problem sein aber auf diese Stück ist es sehr dunkel, es gibt wenig markante Lichter und es zieht und zieht sich. Alle im Boot flehen sich Genf herbei, doch es sind noch mindestens 1½ Stunden bevor man das Ziel sehen kann. Die Psyche war auf dem Null-Punkt. Gäbe es hier die Möglichkeit aufzuhören, hätten wir das Rennen bestimmt abgebrochen. Dem war aber nicht so. Nach kurzer Diskussion entschlossen wir uns bis zur nächsten Landzug zu rudern und dort weiter zu sehen. Doch endlich, erst hinter dieser letzten Landzunge sieht man die hell erleuchtete Stadt, das Ziel ist zum Greifen nahe und jetzt sind es auch nur noch 5 km, die allerletzten Reserven werden mobilisiert. Zumal ein Gewitter mit starkem Regen und zum Glück wenig Wind aufzog. Da wir nur noch so schnell wie möglich an Land wollten, nahm das Boot noch einmal richtig Fahrt auf und die letzten Kilometer vergingen wie im Flug.
Ein helles weißes Blinklicht vorm Hafen der Société Nautique de Genève begrenzt die Ziellinie. Das WSV-Team konnte den siebten Platz in der Männerwertung und den elften in der Gesamtwertung erringen und kam nach 15h 45min kurz vor 01:00 Uhr durchgeweicht aber erleichtert in Genf an, eine gute Zeit und eine gute Platzierung für unsere Mannschaft.
Völlig geschafft krochen wir aus dem Boot. Endlich wieder an Land. Jetzt noch das Boot raus; zum Glück gibt's Unterstützung. Nichts wie unter die warme Dusche.
Danach geht es schon wieder etwas besser. Der Genfer Verein spendierte noch ein Nachtessen: Suppe und Spaghetti. Nach feiern ist aber keinem. Alle wollen schnell zurück in den Bunker.
Das Geschnarche vom Bett nebenan stört in dieser Nacht nicht mehr, selten kann man so gut schlafen wie nach einer Seeumrundung.
Am nächsten Morgen gegen gegen Neun, eigentlich viel zu früh, kehrt Leben in den Bunker zurück. Um 12h ist die Siegerehrung. Das Sieger-Team erhielt großen Applaus und eine Zinnkanne. So richtig gefreut haben sie sich dennoch nicht. Der Rekord für eine Seeumrundung in 11h 50min blieb bestehen. Die der Renngemeinschaft Karlsruhe/Bonn/Breisbach/Leverkusen hatte ihn um 20 min verfehlt. Aber auch die anderen Mannschaften werden fleißig beklatscht. Wir bekamen einen Zinnbecher als Andenken.
Den Genfer See an einem Stück zu umrudern ist auf jeden Fall eine beachtliche Leistung. Die Zinnbecher, die jeder Ruderer erhält, der ins Ziel kommt, ist eine hart erarbeitete und sehr begehrte Trophäe.








